Wer eifrig meine Berichte der letzten Jahre durchstöbert hat, wird sehen, dass ich lediglich bei meiner
ersten Teilnahme vor drei Jahren mich wirklich in guter Form wähnte. Vor zwei Jahren im Zuge
der Sommerdepression wochenlang nicht auf dem Rad gewesen; letztes Jahr zwar mit guter Ausdauer,
aber keinerlei Tempotraining im Vorfeld am Start... Ich bin es also schon gewohnt, nicht
bestens trainiert die Cyclassics zu fahren. Dieses Jahr jedoch war es nochmal ein ganz anders
Kaliber. Ein kurzer Rückblick:
Mit meiner dreitägigen Hannover-Tour und dem Zeitfahren in Stillhorn war für mich letztes Jahr
erstmal Schluss mit dem Radeln gewesen. Einer Krankheit folgte der Beginn meines zeitintensiven
Musikstudiums und so dauerte es von Mitte September bis Mitte März, dass ich das Rad mal wieder
zu Training ausführte. Mit dem Ende der Semesterferien nahm jedoch auch da der Stress wieder zu
und als ich Mitte April wieder flach lag, entschied ich erneut, das Radfahren unter dem Semester sein zu lassen. Zwei ruhige und kurze Touren
drehte ich noch in der Woche vor den Cyclassics - das war alles an "Training".
Und so stand ich nun am Start, wehmütig meinen Startblock B musternd, den ich mir letztes Jahr

mühevoll erkämpft hatte und heute definitiv verlieren würde. Denn mein Vorsatz war klar. Kein
Risiko, aus allen Scharmützeln raushalten, bedächtig mitrollen und einfach genießen. Und so
ähnlich kam es dann auch.
Der komplette Block war nach nicht einmal drei Kilometern über alle Berge. Mir tat es trotz
aller mentalen Vorbereitung in der Seele weh, hatte aber den schönen Vorteil, dass ich nun die
gefährlichen Straßen im Hafen für mich allein hatte und eigentlich nur aus eigener Dummheit
hätte stürzen können. In Harburg schluckte mich der erste Pulk aus C. Ich ließ es über mich
ergehen und sparte weiter Kräfte. Mit den dort beginnenden Steigungen jedoch erbrachte sich mir
wenigstens erneut der Beweis, dass ich nicht so schlecht am Berg bin: Trotz meines ruhigen
Tempos kassierte ich dort wieder einige Teilnehmer.
Was mir letztes Jahr bei dem Geheize nicht so auffiel, war dafür dieses Mal umso schöner.
Wie doch in nahezu jedem Vorgarten in Hamburgs südlichen Nachbarorten die Anwohner am Frühstückstisch
sitzen und jeden bejubeln, der durchfährt. Oder die andere Alternative: Rasselnd, winkend und
jubelnd standen ganze Scharen an der Straße und machten uns Teilnehmern eine riesige Freude.
Etabliert hat sich in diesem Jahr auch noch die Vuvuzela als Lärmquelle. So kam gleich auch noch
ein bisschen Südafrika-Stimmung auf (passend zu meinem Ohrwurm, der mal wieder viel zu lang
heute "Waka Waka" war...). Ich spielte mit den Zuschauern, heizte bei einem besonders
begeisterten Grüppchen ausgangs Leversen ordentlich zur La-Ola an. Es machte einfach Freude.
Lange war ich dann doch mit einer großen Gruppe gefahren, die mich in Jesteburg eingeholt hatte,
kurz nachdem ich in einem kleinen Waldstück für eine Minute von der Strecke abgekommen war
(es gibt Bedürfnisse, die wichtiger sind, als das Rennen zu gewinnen). Hinter Buchholz
wurden jedoch meine Beine immer schwerer und im Hinblick auf die Köhlbrandbrücke und das, was
davor und danach auch noch war, ließ ich sie fahren. Und ab da wurde tatsächlich der Rest zur
Schleichfahrt meinerseits. Ich zählte die Kilometer einzeln herunter, versuchte mich an einzelne
Gruppen zu hängen, um dem Wind zu entgehen und ließ selbige kurz darauf wieder ziehen.
Einzig auf der Köhlbrandbrücke war ich meinem Umfeld noch einmal ebenbürtig. Inmitten eines der
Brückenpfosten dort hatten Aktivisten (von Greenpeace, hab ich mir sagen lassen) ein hübsches
Transparent aufgehängt, nur halt leider in die Richtung, die man als Radfahrer nicht sehen konnte.
Aber die Aktion war dennoch bewundernswert, auch wenn sich Nukleomane Vattenfall davon wohl leider nicht
beeindrucken ließ.
Als endlich die Zielgerade erreicht war, war ich sehr erleichtert. Ich jubelte über die
geschaffte Distanz und ließ mich noch ein letztes Mal vom Publikum tragen. Auch wenn mein
Ergebnis wirklich nicht nenneswert ist, so war es dennoch ein schönes Rennen. Aber was es auf
jeden Fall auch war: Es waren die härtesten 100 Kilometer, die ich je gefahren bin.
(Foto: Ich (im Vordergrund) kurz nach der Zieldurchfahrt - abendblatt.de)