
Sonntag Morgen, 8:35 Uhr vor dem Atlantik-Hotel in Hamburg. Gerade sehe ich noch die letzten Fahrer
des Startblocks H verschwinden, nun ist mein Startblock I als letzter verbliebener der 55km-Strecke
endlich an der Reihe. Anders als noch bis vor einer Stunde bin ich mit einem Mal richtig zuversichtlich:
Am Samstag hatte ich eine letzte Trainingsrunde gedreht, bei der vor allem mein Rad mir einige Sorgen
bereitet hatte. Zunächst machte meine Schaltung Probleme, indem sie gerne mal den einen oder anderen
Gang übersprang, dann lockerte sich mein Sattel und das Knacken in meiner Kurbel, weswegen ich mein
Rad extra noch in der letzten Woche zum Service gebracht hatte, war nerviger denn je. Wenigstens
konnte ich mit meiner körperlichen Form zufrieden sein. Ein letzter Formcheck am Waseberg, an dem
bereits für das Profirennen aufgebaut wurde, gab mir Selbstvertrauen. Am Morgen des Renntages
gab es dann die nächsten Probleme. Als ich um halb sechs austand, rebellierte mein Magen in Form
von Durchfall und wenig später durfte ich auch noch meinen hinteren Schlauch auswechseln, aus dem
über Nacht die Luft entwichen war. Als ich mich schließlich in den Nebenstraßen der Hamburger City

einfahren ging waren die Probleme allesamt wie weggeblasen, sogar das Knacken, was mich über Wochen
genervt hatte. Mein Rad weiß halt wann es sich zu benehmen hat :-)
Um 8:39 Uhr ging es für mich und meinen Block los. Vorher hatte ich fröstelnd am Start gestanden
und mich mit einem anderen Fahrer unterhalten. Er fuhr sein erstes Rennen seit 17 Jahren,
damals war er noch in der Jugend gestartet und fuhr im Training einen ähnlichen Schnitt wie ich. Leider kann ich ihn hier nicht mit Namen erwähnen,
da ich weder danach gefragt habe noch mir die Startnummer gemerkt hab. Ich nenn ihn hier mal
aufgrund seines Trikots den Euskaltel-Fahrer. Überhaupt waren trotz der Doping-Fälle doch sehr
viele Teilnehmer in Profi-Trikots unterwegs (einschließlich mir). Beim Start ging erst einmal nichts
vorwärts: ich stand mitten im Startblock, während vorne die ersten grünes Licht bekamen. Als es
dann losging dauerte es gar nicht mal lange bis ich schon Kette rechts gehen konnte und Tempo aufnahm.
Überhaupt verliefen die ersten Kilometer sehr diszipliniert, alle waren konzentriert und soweit
ich das mitbekommen habe, gab es auch keine Stürze in meiner Gruppe.

Bis nach Eimsbüttel ging die Straße leicht bergab und ich erreichte schon bald ein Tempo von knapp
50 km/h.
In Lurup hatte sich dann eine schöne starke Gruppe aus meinem Block zusammengefunden -
darin auch der Euskaltel-Fahrer vom Start und
wir schossen mit durchgehend 45-50 km/h durch Schenefeld und über die LSE nach Pinneberg. Ich war
fasziniert, wie leicht man doch ein derartiges Tempo erreichte bei ausreichend Windschatten.
Dabei fuhren wir nicht mal im dichten Pulk, sondern einer hinter dem anderen. Anders wären wir wohl auch
nicht so leicht an den langsameren Teilnehmern des Rennens vorbeigekommen.
Obwohl ich weiterhin ganz gut mithalten konnte, bekam ich langsam Bedenken, ob ich mir meine Kräfte
wirklich richtig einteilte. Immerhin kam noch der Kösterberg, an dem ich die meiste Zeit gutmachen
wollte und bei guter Verfassung im Training auch immer konnte. In Appen-Etz verlor ich dann den Anschluss
an meine Gruppe, da wir kurz nach dem Kreisel südlich von Pinneberg auf einen dichten Pulk
aufgeschlossen hatten. Ich hatte keinen Bock beim Überholen mit 40 Sachen vom Asphalt gedrängt zu werden,
also wartete ich lieber bis sich eine Lücke auftat. Vor Holm hatte ich dann beschlossen, etwas zu essen,
nahm Tempo raus und schob mir zügig einen Riegel rein. Mit vollem Mund sprintete ich den
Hügel zum Ortseingang hoch und versuchte, wieder Anschluss an eine schnelle Gruppe zu finden.
Auf der Bundesstraße wurde es dann chaotisch: Zunächst sah ich nur wie vor mir einige Fahrer die
Hand hoben, um vor einer Gefahr auf der Fahrbahn zu warnen. Kurz darauf sah ich einen Krankenwagen
davor Sanitäter, die sich um einen gestürzten Fahrer bemühten, es sah auf jedem Fall nach einem

heftigen Unfall aus. In dem Gewühl an der Unfallstelle vorbei traf ich den Euskaltel-Fahrer wieder.
Nur weiß ich nicht mehr ob ich ihn überholt habe oder er mir wieder davonzog.
Jedenfalls wurde nach der Unfallstelle das Tempo wieder angezogen, eine schnelle Gruppe fand ich
trotzdem nicht mehr und machte als Einzelkämpfer weiter. Obwohl ich keinen direkten Windschatten hatte, schaffte
ich ein gutes Tempo und nahm viel Schwung mit auf das abschüssige Stück in Wedel.
War schon in Holm die Stimmung durch die Anwohner in ihren Vorgärten toll gewesen, so toppte Wedel
das ganze noch: Besonders in der Kurve richtung Schulauer Straße standen verdammt viele Menschen.
Der ganze Ort schien auf den Beinen zu sein. Ein schöneres Geschenk kann man als Teilnehmer von
den Zuschauern nicht bekommen.
Die von mir gefürchteten Sperrtorschwellen am Willkomm-Höft waren überstanden und es ging in den
ersten leichten Anstieg zum Galgenberg hinein. Dicht gedrängt mussten die Überholenden am linken
Straßenrand fahren, da sich durch den Ziehharmonika-Effekt eine gewaltige Traube gebildet hatte.
Zum Ortsausgang hin versuchte ich so gut es ging noch Plätze gutzumachen, da nun der Kösterberg kam
und ich mich immer noch gut und stark fühlte. Wie erwartet waren auch Grotiusweg und Kösterbergstraße
dicht von Zuschauern gesäumt, die uns mit Rasseln, Rufen und Beifall Feuer unterm Hintern machten.
Ich kam super in die erste stäkere Steigung am Grotiusweg, doch nach der Hälfte war die Straße vor
mir dicht. "Viel Spaß beim Überholen!" rief mir eine Frau von der Seite zu. Den hatte ich dann auch
als ich mich mit den Worten "Tschuldigung!" und "Danke!" durch den Pulk wühlte. Nach der ersten
Kuppe nahm ich gut Fahrt auf und beschleunigte voll in die zweite Steigung hinein bis wieder vor mir
alles dicht war und ich abbremsen musste. Doch jetzt hatte ich Glück: Links entstand eine Lücke
und ich konnte voll antreten, kam wunderbar über die Kuppe, winkte meiner Familie am Straßenrand
zu und ging sofort wieder Kette rechts für die Abfahrt durch Blankenese.
Ich gab nun alles, versuchte alles um auf ein möglichst hohes Tempo zu kommen. Doch ohne

Winschatten und mit Kösterberg in den Beinen war es nicht mehr das leichteste. Bei Teufelsbrück überholte mich eine schnelle Gruppe, ich kam nicht ganz mit,
schaffte es aber, sie am Elbhang wieder einzuholen. Als die Vordermänner das Tempo oben wieder
anzogen, zerbrach die Gruppe und ich verlor auch den Anschluss. Auf der Fahrt nach Altona fuhr ich
wieder allein, überholte zwar weiterhin einige Fahrer, merkte aber, dass meine Beine langsam müde
wurden und fuhr auch nicht mehr volles Rohr.
Als wir auf die Palmaille in Altona kamen, wusste ich, dass es nicht mehr weit war, nahm einen
dicken Gang und ließ es noch einmal richtig krachen. Die gefährliche Kurve auf die Straße
Pepermölenbek bekam ich gut und zog die letzte Rampe zum Kiez hinauf voll durch. Die Stimmung
bei den Zuschauern wurde von Meter zu Meter besser und als ich durch die Häuserschluchten
der Kaiser-Wilhelm-Straße fuhr, war von Weitem schon der Rassellärm der Mönckbergstraße zu hören.
Das spornte mich an: Immer wieder ging ich aus dem Sattel, versuchte mein Tempo über 40 zu halten
und dann war die Mö erreicht!
Es wird wohl kaum einen Fahrer gegeben haben, der nicht völlig berauscht von der Stimmung ins
Ziel kam. Dicht gedrängt standen die Zuschauer an der Seite, rasselten, klatschten oder hämmerten

auf die Bande. Und zwar nicht, weil sie auf die Profis warteten. Es war der verdiente Applaus
für jeden Jedermann der ins Ziel kam. Ein geileres Gefühl gibt es nicht, als dort einmal
durchzufahren. Ich fuhr über die Ziellinie und war begeistert. Auf dem Weg zum Service-Bereich
traf ich auch den Euskaltel-Fahrer wieder, der kurz vor mir ins Ziel gekommen sein musste. Auch
nach der Zieldurchfahrt begrüßten einen die Leute mit Rasseln. Ein Wahnsinn! Glücksgefühle pur!
Nachdem ich mich hatte massieren lassen, traf ich mich in der Stadt mit meinem Bruder
(an dieser Stelle möchte ich dir nochmal sagen, wie sehr mich dein Kommen gefreut hat Giacomo :-)),
spazierte über die Messe am Rathaus, wo ich Arne aus Göttingen traf (siehe
Bad Bevensen)
sah mir dann noch die erste Passage der Profis am Waseberg live an und ließ dann am Abend zu hause
den Tag mit ein paar Freunden ausklingen.
Beim Blick auf die Ergebnisliste sah ich einige Bekannte, die gute Positionen erreicht hatten:
Da war zum Beispiel Felix Klein, den ich ebenfalls aus
Bad Bevensen
kannte: Er wurde sehr guter 22. auf den 55km und gewann in seiner Altersklasse, unser Postbote
Ralf Richter, der im Vorfeld kaum zum Training gekommen war, wurde 407. (AK 179.) über 155km und
erreichte sein persönliches Ziel mit einer Zeit unter vier Stunden und der Vorsitzende meines Vereins
Tom Soltau gewann die Tandem-Wertung über 55km. Nur suchte ich auf der Ergebnisliste am Vattenfall-Center
vergeblich nach meinem Namen. Die Liste war von 11 Uhr irgendwas, da war ich schon längst im Ziel.
Ich suchte im Bereich um Platz 500, wo alle so mit Zeiten um 1:30 h angekommen waren, fand mich
aber nicht. Ich ging die Listen weiter nach hinten - Nichts! Zum Spaß schaute ich dann auf die ersten
Blätter. Ich hatte im Vorfeld einen Platz unter den besten 1000 für utopisch gehalten.
Als ich nun die Zahl 191 als finale Position vor meinem Namen sah, haute es mich regelrecht aus den Latschen.
Übrigens: Der Dank für die Fotos während des Rennens geht an meinen Papa! :-)